Welcome To Sodom. Dein Smartphone ist schon hier: Regisseur Christian Krönes im Interview

Europas größte Müllhalde befindet sich in Afrika. Genauer: in einem Bezirk von Accra, der Hauptstadt von Ghana. Hier, in Agblogboshie, dem Ort, den die dort lebenden und arbeitenden Menschen Sodom nennen, landet massenhaft Elektromüll, der vorher illegal in Europa, Amerika und Asien entsorgt wurde. Der Dokumentarfilm „Welcome to Sodom. Dein Smartphone ist schon hier.“ gibt Einblicke in die ganz eigene Welt dieses apokalyptischen Ortes, zeigt die Kehrseite unseres Massenkonsums und unserer Wegwerfmentalität. Im Interview berichtet Regisseur und Produzent Christian Krönes über Entstehung und Hintergründe des Films.

 

Am 7. November 2019, 18:30 Uhr veranstalten wir eine Filmvorführung mit anschließendem Gespräch im Monopol-Kino (Schleißheimer Straße) in München. Tickets zum ermäßigten Preis von 5 Euro können hier bestellt werden.

 

Ina Hemmelmann: Wie hat „Sodom” auf Euch gewirkt?

Christian Krönes: 2014, zwei Jahre vor den Dreharbeiten waren wir zur Recherche erstmals dort. Nach dem ersten Tag auf der Deponie konnten wir nachts nicht schlafen, waren völlig orientierungslos und erschlagen von den Eindrücken, den Gerüchen, dem Lärm. Wir saßen dann in einer fast therapeutischen Sitzung zusammen, um uns wieder aufzubauen, um am nächsten Tag überhaupt wieder an diesen Ort zurückkehren zu können. Der ja zynischerweise durch ein europäisches Entwicklungshilfeprojekt entstanden ist: Alte Computer aus der EU sollten ursprünglich nach Ghana geschafft werden um dort in Schulen zum Einsatz zu kommen – über die Jahre hat sich der verbotene Export von Elektromüll dorthin zu einem florierenden Geschäftsmodell entwickelt. Gleichzeitig faszinierend wie erschreckend ist: Hier wird tatsächlich alles recycelt, nichts bleibt übrig! Aber das geschieht auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit der Menschen, geht mit einer ökologischen Katastrophe einher. Etwa wenn Isoliermaterial aus Kühlgeräten verbrannt wird und ganz Accra unter einer Giftwolke liegt.

 

IH: Wart Ihr überhaupt willkommen?

CK: Alle in „Sodom” kennen westliche Journalisten – sie kommen für zwei, drei Tage, nehmen spektakuläre Bilder mit und fordern, diese Deponie zu schließen. Die Menschen, die dort – am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette – arbeiten, fürchten dann immer wieder um ihre wirtschaftliche Existenz. Solche Medienberichte erschienen uns zu einseitig, die Perspektive zu kurzsichtig, denn dann würde die Deponie nur an einem anderen Ort in Ghana oder in einem der Nachbarländer erneut entstehen. Wir hatten einen anderen Ansatz. Wir wollten ohne einen rechthaberischen, europäischen Blick an den Ort kommen um ihn durch die Augen der Menschen dort zu erleben. Und dann durch den Film der Situation vor Ort Gesichter, Stimmen geben, die die Zuschauer in Europa erreichen und wirklich wahrnehmen. Vor den Dreharbeiten brauchte es eine Phase des Vertrauensaufbaus. Nach etwa drei Wochen wandelte sich die Stimmung ins Positive, dann waren wir keine Fremdkörper mehr, sondern gehörten zum Setting und die Menschen fingen an, sich zu öffnen und von sich zu erzählen. 

 

IH: Wie sieht der Alltag aus in „Sodom”?

CK: Es geht dort immer ums nackte Überleben. Deshalb ist alles streng hierarchisch organisiert, es gibt eine Art Hackordnung, nach der sich wer wo etwas nehmen darf – bis zu den kleinsten Resten, Metallsplittern, die dann am Schluss noch von den Kindern mit Magneten oder nackten Händen aus dem Boden geholt werden. Es gibt verschiedene Geschäftsbereiche, die unter mehreren Stämmen verteilt sind. Das wird von allen Beteiligten so akzeptiert, ist aber sicher nicht ganz friedlich untereinander vereinbart worden. Mit die giftigsten, gesundheitsschädlichsten Plätze sind die Feuerstellen, an denen Kabel und Bauteile verbrannt werden, um das Kupfer darin zu gewinnen. Gleichzeitig sind diese aber auch am einträglichsten und sehr umkämpft. Die Männer, die diese Arbeit machen, sind recht resolute Charaktere, die ihre Plätze auch entsprechend handfest verteidigen.

 

IH: Das klingt nach einem erstaunlich geordneten Chaos …

CK: Wenn man das erste Mal in dieses Chaos eintaucht, ist man orientierungslos und hält den Ort für eine Müllhalde. Mit der Zeit erkennt man die umfassende Ordnung – denn jedes kleinste Teil, das irgendwo liegt, gehört irgendjemandem. Niemand würde sich deshalb an etwas Herumliegenden einfach so vergreifen. Dass es keine Zufälligkeiten gibt, sondern alles in unglaublich geordneten Bahnen abläuft, war für uns auch faszinierend. Wenige Wochen vor dem Dreh unternahm die Verwaltung einen Versuch, mit dem Militär Zugang zu bekommen, und scheiterte am erbitterten Widerstand der Menschen dort. Agblogboshie ist quasi exterritoriales Gebiet – Behörden, Polizei haben keinen Zugang, dafür sorgt der so genannte „Chief” der Deponie.

 

IH: Im Film wirkt Agblogboshie wie ein Endzeitort. Ist es das?

CK: Ja, es erinnert an ein apokalyptisches Szenario aus einem Science-Fiction-Film. Es ist aber real. Agblogboshie ist das Spiegelbild unseres Umgangs mit dem afrikanischen Kontinent. Von dort kommen die meisten Rohstoffe, diese erleben in den Industrieländern eine unglaubliche Wertsteigerung und kehren als Elektromüll wieder nach Afrika zurück. Diesen Ort zu entwickeln kann unserer Meinung nach nicht die Aufgabe der Menschen dort sein. Wenn man die Migrationsströme in den Griff bekommen will, dann ist es unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Menschen in ihren Herkunftsländern existenzielle Perspektiven haben. Eigentlich müssten alle Politiker, die wollen, dass Migranten an den Grenzen abgewiesen werden, eine Woche in „Sodom” verbringen. 

 

IH: Welche Zukunft können Menschen dort heute überhaupt haben?

CK: Die Lebenserwartung ist gering. Die meisten kommen als 8-10-jährige Kinder nach Agblogboshie und dürfen die niedrigsten Arbeiten verrichten. In dieser verseuchten Umgebung werden sie vielleicht 30-35 Jahre alt. Es gibt quasi keine älteren Menschen in „Sodom”. Die Wasserverkäuferin im Film mit Mitte 40 ist eine der ältesten dort.

 

IH: Welche Haltung haben die Menschen in „Sodom” zu ihrem Leben, ihrer Arbeit?

CK: Sie haben unterschiedliche Vorstellungen. Aus dem Norden Ghanas kommen Muslime, meistens mit der Hoffnung auf etwas Geld, um ihre Familien zu unterstützen. Anfangs noch mit der Idee, irgendwann zurückzukehren. In Ghana dominiert seit Ende der Kolonialherrschaft ein Mindset des Geschäftlichen, dass jeder es schaffen kann und in eine andere gesellschaftliche Position aufsteigen kann. Einerseits ist das Hoffnung, andererseits eine riesige Lüge. Das spürt man auch in Agblogboshie. Der Ort ist ein höllischer Magnet, weil er auf niedrigstem Level ein Überleben garantiert. Aber es ist kein Leben mit der Perspektive, Geld zu sparen oder mit dem Geld etwas zu machen. Der tägliche Kampf, den heutigen Tag zu überstehen um genügend Geld zu verdienen, beherrscht alles. Wer mal in Agblogboshie gelandet ist, wird es vermutlich nicht mehr lebend, zumindest aber nicht gesund, wieder verlassen.

 

IH: Was muss passieren, um diesen Ort zu verändern – um den Menschen und der Umwelt eine wirkliche Perspektive zu bieten?

CK: Europa wird in Agblogboshie auf billigste Art und Weise seinen Elektroschrott los, mittlerweile machen das auch Asien und amerikanische Länder so. Und in den letzten Jahren kommt zunehmend mehr Müll an, vor allem aus Asien ist das eine Menge billiger, kurzlebiger Schrottprodukte. Alles auf Kosten von Gesundheit und Umwelt. Wichtig ist, dass die Konsumenten hier sich ihres Verhaltens bewusster werden. Damit sich was ändert, müssen wir zuerst mal unsere eigenen Zahlen anschauen: Unsere selbst gesetzte Quote zur Entsorgung von Altgeräten wird nicht erreicht – nur 40% des Elektromülls in Deutschland, immerhin eine der reichsten Industrienationen, wird ordnungsgemäß entsorgt. Die übrigen 60% werden nicht erfasst und tauchen möglicherweise wieder in Afrika auf. Ein unglaubliches Armutszeugnis. Besitzer müssen ihre Altgeräte richtig entsorgen und gleichzeitig muss die Politik alle Spielräume ausschöpfen, um die Rückgabe und Rücknahme von Altgeräten attraktiver zu machen bzw. gesetzlich zu verordnen. Genauso wichtig ist, dass die geplante Obsoleszenz mit entsprechenden politischen Mitteln unterbunden wird – denn mit kurzlebigen und schnell neu gekauften Produkte wächst der Müllberg und immer mehr gelangt an Entsorgungsorte wie Agblogboshie.
Als Filmemacher ist es unsere Aufgabe, auf diesen Ort hinzuweisen, an die Zivilgesellschaft zu appellieren. Wir können die Welt nicht verändern, aber wollen die Zuschauer zum Reflektieren und Umdenken anregen. Wir leben heute erstmals in einer Zeit, in der uns die  Endlichkeit unserer Ressourcen auf dem Globus bewusst wird. Wir wissen, dass wir mit ihnen künftig verantwortungsvoller umgehen müssen. Das ist ein kleiner Hoffnungsaspekt. 

 

IH: Welche Themen nehmt Ihr als nächstes in den Fokus?

CK: Nach dem Thema Elektroschrott haben wir uns einigen zeithistorischen Geschichten mit Blick auf die politischen Entwicklungen in Europa gewidmet, um an das vergangene Jahrhundert zu erinnern – und zu zeigen wie schnell eine Gesellschaft kollabieren kann. Unser nächstes ökologisches Projekt bezieht sich auf eine Studie, die für 2048 das Ende der kommerziellen Fischerei in den Weltmeeren prognostiziert. Das wird sich wirtschaftlich schon in naher Zukunft nicht mehr lohnen, weil es nicht mehr genügend Fische geben wird.  Was vermutlich zu erbitterten Kriegen führen wird.

 

 

www.welcome-to-sodom.de

Reparatur-Initiativen können eine Vorführlizenz für „Welcome To Sodom“ zu ermäßigten Konditionen erhalten, wenn sie die Dokumentation vor Ort zeigen möchten. Schreibt uns dazu an reparieren@anstiftung.de

 

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